Graz: Innenhöfe, Kürbiskernöl und ein Berg mitten in der Stadt
Österreichs zweitgrößte Stadt wird von Reisenden regelmäßig übersprungen. Ein Fehler: Graz verbindet eine der besterhaltenen Altstädte Mitteleuropas mit einer Esskultur, die sich nicht hinter Wien verstecken muss.
Graz liegt südlich des Alpenhauptkamms, und das merkt man an allem: am Licht, an der Vegetation, an der Küche und an der Geschwindigkeit, mit der Menschen ihren Kaffee trinken. Die Stadt hat rund 300.000 Einwohner, davon etwa 60.000 Studierende – ein Verhältnis, das den Ton der Stadt prägt.
Was Graz besonders macht, ist die Schichtung. In derselben Straße stehen ein Renaissancehof, ein Jugendstilhaus und ein Gebäude aus den 1990er-Jahren, das anderswo Diskussionen ausgelöst hätte. Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit Gegenwart und Geschichte ist das eigentliche Thema eines Grazbesuchs.
Die Stadt der offenen Tore
Die Grazer Altstadt versteckt ihr Bestes hinter Fassaden. Zwischen Sporgasse, Sackstraße, Herrengasse und Färberplatz führen unscheinbare Durchgänge in Innenhöfe mit Arkaden, Brunnen und Treppen. Viele davon sind tagsüber öffentlich zugänglich, ohne dass ein Schild darauf hinweist.
Zwei Adressen sollte man kennen: die Landhaushof-Arkaden, ein italienisch geprägter Renaissancehof mitten in der Stadt, und die Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg, bei der zwei Treppenläufe sich abwechselnd trennen und wieder treffen. Beide kosten nichts und dauern zusammen zwanzig Minuten.
Schlossberg: hinauf zu Fuß, hinunter über den Kriegssteig
Der Schlossberg ist ein 123 Meter hoher Felsrücken direkt über der Altstadt. Von der Napoleonstiege am Schlossbergplatz führen 260 Stufen hinauf; wer das nicht möchte, nimmt Standseilbahn oder Schlossberglift durch den Fels.
Oben stehen der Uhrturm – das Wahrzeichen der Stadt – und der Glockenturm, dazwischen liegen Terrassen mit Blick über Altstadt und Mur. Für den Rückweg empfehlen wir den Kriegssteig auf der Ostseite: ein schmaler, im Ersten Weltkrieg angelegter Weg, der deutlich ruhiger ist als der Hauptaufgang.

Über die Mur: Lendviertel und Gegenwart
Das westliche Murufer war lange die andere Seite der Stadt. Heute liegen hier das Kunsthaus – von Einheimischen „friendly alien“ genannt –, die Murinsel als schwimmendes Bauwerk und mit Lend und Gries zwei Viertel, in denen Werkstätten, Bäckereien, Bars und Ateliers dicht beieinanderliegen.
Am Lendplatz findet werktags ein Bauernmarkt statt, der weniger auf Gäste ausgerichtet ist als der Kaiser-Josef-Markt in der Innenstadt. Beide sind sehenswert, aber unterschiedlich: der eine als Nachbarschaft, der andere als Bühne.
- Tag 1 vormittags
Altstadt und Innenhöfe
Hauptplatz, Landhaushof, Doppelwendeltreppe, Herrengasse.
- Tag 1 nachmittags
Schlossberg
Aufstieg über die Napoleonstiege, Uhrturm, Abstieg über den Kriegssteig.
- Tag 1 abends
Färberplatz und Umgebung
Kleine Lokale, Studierendenpublikum, kurze Wege.
- Tag 2 vormittags
Markt und Kunsthaus
Lendplatz, Frühstück am Stand, danach Kunsthaus oder Joanneumsviertel.
- Tag 2 nachmittags
Eggenberg oder Süden
Schloss Eggenberg mit Park und Pfauen oder Ausflug in die Weinberge.
Steirisch essen: was wirklich von hier kommt
Die Steiermark hat drei Produkte, die ihren Ruf tragen: Kürbiskernöl mit geschützter Herkunft, Käferbohnen und Äpfel. Dazu kommen Wein aus der Süd- und Weststeiermark sowie Schilcher, ein herber Roséwein, den man mögen muss.
- Käferbohnensalat mit Kernöl: der ehrlichste Einstieg, kalt serviert, meist als Vorspeise.
- Backhendl: paniertes Hendl, in guten Häusern mit Kartoffel-Vogerlsalat.
- Brettljause: kalte Platte im Buschenschank, gedacht als Mahlzeit, nicht als Snack.
- Kernöleis: klingt nach Touristenidee, funktioniert aber überraschend gut.
- Schilcher: regionaler Rosé mit deutlicher Säure, gut zu deftigem Essen.
Ausflüge in die Umgebung
| Ziel | Anreise | Thema |
|---|---|---|
| Schloss Eggenberg | Straßenbahn, 20 Min. | Barockresidenz, Park, Prunkräume |
| Südsteirische Weinstraße | Bus oder Bahn + Bus, 1–1,5 Std. | Weinberge, Buschenschanken, Ausblicke |
| Stift Rein | Bus, ca. 40 Min. | Ältestes Zisterzienserkloster der Welt |
| Bärenschützklamm | Bahn + Bus, ca. 1 Std. | Klammweg über Holzstege, saisonal |
Die Weinstraße ist der klassische Ausflug, aber kein Selbstläufer ohne Auto. Plane feste Busverbindungen ein oder kombiniere Bahn bis Leibnitz mit einem Rad. Buschenschanken haben eigene, oft wechselnde Öffnungszeiten – prüfe sie am selben Tag.
Graz ist die einzige österreichische Großstadt, in der man mittags einen Berg besteigen und abends darüber diskutieren kann, ob das Kunsthaus schön ist.
Häufige Fragen
Lohnt sich Graz für zwei Tage?
Ja. Ein Tag reicht für Altstadt und Schlossberg, der zweite für Lendviertel, Museen und einen Ausflug. Wer die Weinstraße mitnehmen will, sollte drei Tage einplanen.
Wie kommt man vom Flughafen in die Stadt?
Mit der S-Bahn in rund zehn Minuten zum Hauptbahnhof oder mit dem Bus 630. Beides ist deutlich günstiger als ein Taxi und fährt regelmäßig.
Ist Graz teurer oder günstiger als Wien?
Insgesamt günstiger, besonders bei Unterkunft und Gastronomie. Die Preisunterschiede liegen erfahrungsgemäß bei 15 bis 25 Prozent.
Was ist die beste Zeit für einen Besuch?
Mai bis Juni und September bis Oktober. Der Hochsommer kann im Grazer Becken sehr heiß werden, dann sind schattige Innenhöfe und der Schlossberg die besseren Aufenthaltsorte.
Kann man Graz gut zu Fuß erkunden?
Ja, die Altstadt ist kompakt und weitgehend verkehrsberuhigt. Für Eggenberg, Lend und den Hauptbahnhof nutzt man die Straßenbahn, die dicht getaktet fährt.